Der Pöbel zeigt den Mittelfinger – Vox Populi Vox Dei

Der Pöbel, auch das Pack genannt, die Wutbürger, Nazis, Dunkeldeutsche, Deutschtümmelnde, Deutschomanen, Rechtspopulisten, Verlierer der Gesellschaft, postfaktische emotionsgetriebene Tiere in Gestalt von Staatsbürgern.

Sie zeigen inzwischen den Mittelfinger, weil er ihnen auch gezeigt worden ist. Sie beleidigen an der Stelle, an der sie auch beleidigt worden sind. Und dort wo sie entmündigt worden sind machen sie von ihrem Grundrecht auf Demonstration Gebrauch.

Gleichzeitig marschieren sie mit Galgen und Reichskriegsflaggen. Also wer ist dieser Pöbel, der sich in Ostdeutschland tummelt?

Der Pöbel ist eben dieses das gemeine Volk. Und damit meine ich nicht einmal die Kategorisierung von ungebildeten, rohen und sozialschwachen Menschen, sondern eben ein Durchschnitt. Das sich hier auch Rechte und Rechtsradikale finden stimmt. Aber auf den Gegendemonstrationen finden sich auch Linke und Linksradikale, die den Begriff Volk schon ablehnen und auch nicht als dieses verstanden werden wollen, also wo sollen sie sich sonst engagieren, wenn nicht als Kontrapunkt.

Die linken und linksradikalen Bewegungen sind aktuell dabei zu versagen. Sie schaffen es nicht mehr die Menschen zu fassen, wobei ihnen ja die Idee der Massenbewegung originär inne ist.

Auf der Ebene der Politik verliert die Linke ihren Status als Protestpartei, da sie mit dem Klassenfeind kollaboriert, was realpolitisch wahrscheinlich gut, richtig und notwendig ist, aber eben ihre Stammwähler verprellt. Die Identität der Linken war bislang darauf begründet eine Stimme gegen die herrschende Klasse zu sein. Die Linke funktioniert allerdings in Regierungsverantwortung, allerdings grenzt sie sich gerade auf Bundesebene durch kommunistische Altlasten aus.

Auch die Grünen verlieren immer mehr an Bodenhaftung. Gerade mahnte der baden-württembergische Ministerpräsident eine „kulturelle Hegemonie“ an. Die Grünen haben ihre grünen Themen verloren, dabei ist ihr Wählerfundament eine Oberschicht, die sich nun sozial und ökokulturell engagiert. Nun suchen sie die linken Themen und laufen dabei an der Mitte und dem Schnitt vorbei und laufen Antifa und siehe da wieder ihrer Stammwählerschaft entgegen. Dabei ist es überaus ersichtlich, dass gerade Herr Kretschmann mit seiner Landespartei extremen Erfolg hat und dies mit einer realen Politik, die von allen Schichten getragen wird.

Nun kommt dazu auch noch der Aufstieg der AFD. Allerdings fängt diese Partei eben jene Bürger auf, die gegen die herrschende Politik UND die Opposition sind. Es sind Gegner der alternativlosen Politik und sie suchen nun in der Wahl einer designierten und vorerst reinen Protestpartei eine Ausdrucksform. Dass diese Ausdrucksform noch in der Entstehung ist lasse ich als Entschuldigung dafür gelten, dass sie auch ein Hort für Rechtsradikale ist. Die Äußerungen zum Sprachgebrauch mit nationalsozialistisch geprägten Worten oder die konservativen Forderungen sind für mich weit wengier bedenklich als ein Landesvorsitzender, der weder das Lützower Freikorps verstanden hat noch den Sozialdarwinismus als Albernheit.

Also finde ich es durchaus sehr verständlich, wenn ein Bürger nun protestiert. Es ist sein Weg gegen die aus seiner Sicht kompromisslose und alternativlose Politik. Ob sich ein gerufenes „Volksverräter“ nun auf den NS-Straftatbestand bezieht oder auf den Amtseid ist dann für mich keine Interpretationsfrage, sondern ein Einzelfall.

Die Reaktionen der Regierenden und der en Opposition lassen allerdings nur darauf schließen, dass sie in anderen Spähren agieren. Ich könnte kotzen, wenn der Satz fällt man müsse das „nach unten besser kommunizieren“. Es mutet nicht lehrerhaft an, sondern eben auch besserwisserisch. Und es ist bewiesen, dass man zum Korinthenkacken erstmal ein Arschloch braucht. Wie kann man also den Grundpfeiler der Demokratie, das demos, in einer Zeit von ungelösten und sich verschlimmernden Krisen auch noch belehren wollen?

Vox Populi Vox Dei, die Stimme des Volkes, die Stimme Gottes. Natürlich ist immernoch die Frage nach „Wir sind das Volk“ und „Wir schaffen das“ wer „wir“ sind. Doch jeder Teil des Volkes und gerade derjenige, der von seinen demokratischen Grundrechten Gebrauch macht hat es nicht verdient entmündigt zu werden.

Der Pöbel ist also erstmal eine Masse von Menschen, die unzufrieden sind. Zumindest in dem Kontext in dem „wir“ über den Pöbel sprechen. Ich kann Reichskriegsflaggen nicht verstehen und auch kein „Nie wieder Deutschland“. Aber unter jeden Mittelfinger aus mal gerechtem mal ungerechtem Zorn setze ich meine Unterschrift.

Dies möchte ich solange tun, wie die Kommunikation zwischen Volk und seinen Vertretern eine distanzierte ist, wie die einer totgelebten Ehe, die nur noch wegen ihrer Kinder besteht.




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