Eckpunkte #1 – Mein erstes Mal nüchtern

Da dies der erste Eintrag zu dem Thema Eckpunkte ist möchte ich kurz beschreiben was ich als Eckpunkte bezeichne.

In dieser Reihung möchte ich mich mit dem Cornern persönlich auseinandersetzen. Zum einen, da ich sozial dazu gedrängt werde diese Tätigkeit zu erleben und zum anderen um einen gewissen Geist meines eigenen Milieus zu fassen.

Eckpunkte #1 entstand unter dem Eindruck von meinem ersten Mal nüchtern cornern. Ich entschuldige mich in diesem Zusammenhang, falls jemand unter dem Eindruck diesen Beitrag liest es ginge um mein Liebesleben und dies als Clickbait versteht. Wer derartiges Interesse an meinem ersten nüchternen Mal hat möchte bitte in den Kommentaren um weitere Details bitten.

Ich gelangte auf dem Hamburger Berg an eine weite Gruppe aus Freunden, Bekannten und vermehrt Unbekannten. Es war eine zwar weit gestreute Gesellschaft, doch durch die ursächliche Merkmale des Cornerns verbunden. Ich fühlte mich ein weiteres Mal als Fremdkörper, der sich hartnäckig konservativ an die ihm bekannten Gesichter klammern wollte.

Ich suchte also beschämt überschwänglich die euphorisierte Meinung von mir in den glücklichen betrunkenen Gesichtern und wurde schnell fündig. So fühlte ich mich beinahe geborgen als ich zu Gunsten meiner Eitelkeit auf meinen Blog angesprochen worden bin. Ich hatte ebendiesen im Vorwege dutzende Male empfohlen und vielen ist bekannt, dass dies ein mir gefälliges Thema ist und dennoch riss dies mich in eine Konversation, die mich heimisch machte an diesem Abend.

In der Umgebung befand ich mich als immer relativierender was meine Umgebung anging. Ein junger mir bekannter Fussballspieler eines kleinen weiß-blauen Vereins, welches der gemeinsame Nenner war, der uns Bekannte schafft, ließ den Satz, „Boah so viele geile Tusen, ich muss heute ficken“, im Raum stehen. So relativierte ich „geil“ und „Tusen“ auf ein schlicht ungebildetes Kompliment und das „ficken“ als nun einmal gebräuchliche Form der Beschreibung von Sex, wie auch als „Muss“ für diesen Abend als passend. Ich möchte ihn an dieser Stelle nicht entschuldigen als Opfer seines konformen Umfelds oder seiner mir in der Tat unbekannten Bildungschancen, sondern vielmehr möchte ich mich entschuldigen dies so als normal zu empfinden.

Ich war also angekommen und das blieb auch so bis zu einem mir widerspenstigen Schrecken.

Denn ich erreichte allem Angenehmen zum Trotz in der Folge das Gespräch mit einem jungen Mann, der für mich im Kreis meiner Bekannten bis zu diesem Abend unter ferner liefen bekannt war. Alpay (Name nicht geändert) stieg in ein Gespräch über postfaktische Politik ein. Und hier folgt der Schwerpunkt meiner damaligen Eckpunkte.

Er befand sich selbst als unpolitisch zunächst auch als unmündig, obwohl er eine deutliche Meinung vertrat. Er informierte mich auch vorab über die reine Tatsache, dass er im Schwerpunkt seiner Freunde mit Linken, Linksradikalen, Linksextremisten und Kommunisten zu reden hätte. Dies dämpfte in meiner Reflexion meine ohnmächtige Wut.

Er postulierte seine Faszination für die Monarchie. Ich fühlte mich entgegen meiner Überzeugung dazu verpflichtet ein klassisches Studentengespräch zu führen, ohne diskutablen Inhalt, ohne Ziel, dafür versetzt mit seltenen Worten und grenzenlos eingeschränkter Kompromissbereitschaft. Hier sei gesagt, dass dies nicht mein urtümlicher Eindruck von Gesprächen mit angehenden Akademikern darstellt, sondern ein leider zu oft erprobtes Partygespräch.

Doch auf einen Zugang über Fragen nach Dynastien, Genealogie und Staatsform gelangten wir gemeinschaftlich schnell an das Ende seiner bildungsbeschaffenen Fahnenstange. Vermutlich hatte niemand je mit ihm über dieses Thema weiter gesprochen als einfach ein bloßes Kundtun der Meinungen „Monarchie voll toll“ und „Kommunismus voll toll“.

Dann gelangten wir nach dem Wegbrechen seiner eigentlichen These zu seiner eigentlichen Faszination von Autokraten und Diktatoren. Er fühlte sich verbunden mit Putin, Erdogan und Hitler. Er bewunderte die Anhäufung von aller Macht im Staate an einen Punkt, an dem ein Mann steht.

Auf den Hinweis der völlig Unkontrollierbarkeit und der Fehlschläge der Geschichte sowie meinem Postulat der Überlegenheit der Demokratie unter den Gesichtspunkten von Meinungsäußerung zum Handlungsbedarf und Gewaltenteilung zur freien Entfaltung erwähnte er mir einen recht verhassten und belächelten Begriff: „Ehrenmann“.

In seiner sozialen Gruppe ist der Begriff „Ehrenmann“ und sein Komparativ der „kranke Ehrenmann“, krank hier positiv konnotiert, bereits in seiner ganzen Schwammigkeit ausdefiniert. Es beschreibt nicht den englischen Gentleman oder den adligen Edelmann in deutschem Habitus, sondern jemanden, der nach eigener Definition von Ehre formal korrekt handelt.

Ehre hier eher nach dem Vorbild von Hollywoodfilmen oder HipHop-Sprachgebrauch definiert zielt zumeist auf ein selbstloses Verhalten oder ein Opfer ab. Dies überrascht entweder oder bietet einen persönlichen Vorteil und wird daher durch das Wort belohnt.

Also müsse der Monarch oder Diktator schlicht ein Ehrenmann sein. Am besten ein kranker Ehrenmann. Ich führte dies auf Alpays (Name nicht geändert) Unbildung oder Dummheit zurück, da dies kein System ist, sondern der Wunsch eines Kindes mit Vaterkomplex.

Doch eine Aussage von ihm führte mich fort von der Opferrolle des angehenden Akademikers, zumindest aus meinen diesen Abend ungetrübten Augen.

Er bezeichnete den Holocaust als „kleine Ausschweifung“. Ich hatte vorher noch nie persönlich mit Holocaustleugnern zu tun und glaubte seinem schiefen Grinsen einen Witz entnehmen zu können. Ich fragte ich daher ganz offen, dass ich über dieses Gespräch schreiben möchte und ob er alles ernst meine. Er antwortete mit 70% Ernst 30% Spaß.

Und nun in meiner Reflexion hoffe ich es verstanden zu haben.

Er diskutierte nicht aus Unbildung, Unwissen, Dummheit oder staatsgefährdender Absicht. Er redete einfach aus einer provokativen Trotzreaktion heraus. Ich selbst der gerade seinen Trotz in dieser unangenehmen Situation fahren gelassen hatte verstand es an diesem Abend nicht.

Er redete mit seinem engeren Kreis häufig über Politik, aber sie sprechen anscheinend nie über Politik oder sind in irgendeiner grundliegenden Form politisch. Er rebelliert also in schlichter Form mit einer Antithese. Ich kann nicht differenzieren wie vermengt dies mit einer tatsächlich Faszination für „mächtige Männer“ ist, aber seine Art zu diskutieren gelang eben auch bei mir.

Ich möchte mich nun nicht in eine Deutungshoheit begeben. Ich möchte mir selbst aber eine Sache attestieren und das ist Hingabe an Demokratie und Aufklärung. Meine Schwäche ist hierbei mich provozieren zu lassen.

Allerdings bewerte ich dieses Gespräch als eine Provokation aus einer politisch verkorksten Runde, die mich in ihren Auszügen traf. Es machte meinen Abend nicht besser. Davor war es angenehmer und auch in der Folge in der es in Gesprächen um Studentendrogen, Unterwasserlebewesen und Tischkicker ging.

Mein nüchternes Erleben hat mir persönlich in erster Linie gezeigt, dass ich alkoholisiert weit und zwar extrem viel weit ausschweifender rede und emotional schnell in Richtung Aggression drifte, zumindest sobald ich mich unwohl fühle. Daher bin ich froh diesen Abend nüchtern erlebt zu haben und freue mich auf die nächsten Eckpunkte.



Ein Kommentar

  1. Swagdolph said:

    Stabiler Ehrenmann

      Zitieren

    11. Januar 2017
    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.