Postfaktisch – Bedeutung und Sprachgebrauch

Postfaktisch ist ein Begriff der von Angela Merkel in den deutschen Sprachgebrauch gebracht worden ist. Erfunden wurde er von Ralph Keyes in seinem Buch The Post-Truth Era. Damit möchte ich hier zwar über den Begriff „postfaktisch“ oder „Postfaktizismus“ sprechen, allerdings eher in Hinblick des bezeichnenden Missverständnisses der Bundeskanzlerin.

Die postfaktische Politik zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Gegensatz zur vorherigen Politik nicht mehr von Fakten ausgeht und über die daraus resultierenden Handlungen diskutiert, sondern sich über die Fakten an sich streitet. Hier geht es also um eine unfähige Politik, da die unterschiedliche Auffassung oder Interpretation von Fakten eine Grundlage für ein Ergebnis raubt.

In der Ansprache Merkels ging es aber eben nicht um den Post-Truth Begriff, sondern um den Begriff postfaktisch. Also anscheinend eine Emotionalisierung. Natürlich kann die Emotionalisierung auch bei der Ablehnung von Fakten eine Rolle spielen, doch verwendet wird er in einer Art Verleugnung des Prinzips des Staatsbürgers.

Dem Bürger wird von seiner höchsten Regierungsvertreterin die Fähigkeit der Logik abgesprochen. Zumindest demjenigen Bürger, der eine andere Meinung und sei sie im Zweifel unlogisch oder emotional vertritt. Zu behaupten, dass einige Teile des Volkes schlicht zu dumm sind in den eigenen Maßstäben zu denken ist eine Aussage, die erstmal schwierig für eine Repräsentantin des Volkes ist. Allerdings sind die Beleidigungen natürlich auf beiden Seiten.

Es mag also sein, dass Frau Merkel in einer ruhigen Weise ihren Emotionen freien Lauf gelassen hat. Wenn das mal nicht postfaktisch ist.

Die AFD betont immer wieder, dass Emotionen auch Fakten sind. Hierbei geht es aber vielmehr darum ob man das als Argument im politischen Diskurs zulässt. Die regierenden Parteien lassen es zu, wenn sie davon sprechen die Bürger zu beruhigen oder Dinge besser kommunizieren zu müssen. Auch die in Bautzen agierenden rechten Gruppen schrieben bei der Planung weiterer Aktionen von „spürbaren“ Veränderungen.

Wir als Öffentlichkeit gebrauchen also nicht den Begriff oder zumindest nur einen Teil von Ralph Keyes, da wir es tatsächlich schaffen zwei ganz wesentliche Bestandteile einfach auszulassen.

Zum einen streben wir als Gesellschaft nicht die Lösung oder die politische Debatte an. Es wird schlicht kommuniziert, dass die nicht zur Logik fähigen, umündigen Bürger, die aber nun einmal wählen dürfen zurück geholt werden müssen und dass zu ihnen nach unten besser kommuniziert werden muss. Man muss also postfaktisch mit ihnen umgehen, statt eine politische Lösung zu erarbeiten und damit den Kreislauf aufzuheben und dies ist vorerst gerade bei den europäischen Krisen nicht der Fall.

Zum anderen streichen wir auch die Diskussion über den Wahrheitsbegriff. Es wird dramatisiert, es wird beschönigt, es wird gelogen, aber die unterschiedliche Auffassung von Wahrheit wird nicht thematisiert. Der grundsätzliche Wahrheitsbegriff trennt Kulturen und Zivilisationen und er wird nicht zur Debatte gestellt, damit eine Basis entstehen kann.

Die Frage ob wir nun tatsächlich in der Post-Truth Era leben lässt sich auch auch die internationale Bühne heben. Gerade mit dem Aufstieg der Rechten in Nordeuropa und der Linken in Südeuropa und auch mit der Art wie der Präsidentschaftswahlkampf zwischen Trump und Clinton geschieht.

Ich möchte nicht behaupten, dass dies der Fall ist, dies allerdings auch nicht ausschließen. Ich bin aktuell wohl ein agnostischer Post-Truth Eraner. Doch der Begriff postfaktisch ist ein deutsches Phänomen und ich halte ihn für ganz schlicht unwürdig einer Gesellschaft, die auf den Werten der Aufklärung aufgebaut ist.




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