Wieso wählen Leute die AfD?

„Die Menschen, die die AfD wählen sind dumm. Hätten sie das Wahlprogramm gelesen, dann wüssten sie, dass die Ärmsten in der Gesellschaft darunter am meisten zu leiden hätten“.

Diesen Satz hört man in der Diskussion um den Aufstieg der Rechtspopulisten immer wieder. An dieser Stelle mit der Analyse aufzuhören ist einfach. Die Anhänger des politischen Gegner als dumm zu bezeichnen, ist allerdings keine besondere intelligente Taktik. Es gibt wahrscheinlich mehr Gründe als pure Dummheit, dass Menschen denken, dass die AfD eine Partei ist, der man seine Stimme geben sollte. Eine interessante Antwort auf diese Frage liefert Didier Eribon in seinem Buch „Rückkehr nach Reims„.

Didier Eribon ist Professor für Soziologie und Philosophie an der Universität Amiens. Eribon kommt aus einer Arbeiterfamilie und in diesem Buch führt er anhand seiner eigenen Familie eine Milieustudie der traditionellen weißen französischen Arbeiterklasse durch. Er beantwortet die Frage, warum seine Familie, obwohl sie traditionell linke Parteien gewählt hat, mittlerweile den Front National (die französische AfD) als „natürliche“ Wahl empfinden.

Traditionell wählte die französische Arbeiterklasse den kommunistische Partei und empfand diese als Repräsentanten der Arbeiterklasse. Wichtig ist dabei, dass „links“ sein bedeutete „ganz pragmatisch das abzulehnen worunter man im Alltag litt“. Links sein bedeutete also kein großes emanzipatorisches Projekt, sondern ein Protest gegen die konkreten Lebensbedingungen. In den 80er Jahren kamen die Kommunisten an eine Regierungsbeteiligung und es machte sich die Stimmung breit „Politiker sind alle gleich“. Wie kam es dazu?

Der entscheidende Fehler der linken Intellektuellen war, dass sich der Diskurs änderte. Statt von Herrschenden und Beherrschten zu reden kamen neue Begriffe wie „Eigenverantwortung“ von links und von rechts auf. Der Klassenkampf und die Arbeiterklasse verschwanden komplett aus dem Diskurs und man wandte sich der Mitte zu. Konservative Themen, wie Sozialabbau wurde auf einmal von linken Parteien besetzt. Man könnte konstatieren, dass die neoliberale Ideologie voll zugeschlagen hat. Diese Entwicklung ist in ganz Europa zu beobachten. Die Schlagwörter sind die „neuen Mitte“ und Agenda 2010 in Deutschland unter der SPD oder New Labour in Großbritannien.

Wenn nun der Klassenbegriff aus dem Diskurs verschwindet, bedeutet dies allerdings nicht, dass die Menschen, die man zwar nicht mehr Arbeiterklasse nennt, sondern sozial Schwache, unterprivilegierte oder wie man heutzutage sagt die „Abgehängten, sich kollektiv im Stich gelassen fühlen. Die reformistische Linke schufen eine rechte Ideologie und vergaßen diese Menschen.

Eribon argumentiert nun, dass diese Menschen den Front National wählen, um die eigene Identität zu verteidigen. Sie suchen sich einen neuen Repräsentanten, da sie diesen nicht mehr in linken Parteien sehen.

Gefährlich wird dies, da das ursprüngliche „Wir gegen die da oben“ mit einer ethnischen Komponente versehen wird. „Die da oben“ wollen Zuwanderung. Diese Zuwanderer nehmen unsere Arbeitsplätze weg und schaden uns. Besonders gefährlich ist dies, da gerade Menschen mit einfachen Berufen tatsächlich am stärksten durch Immigration gefährdet werden, da die Immigranten häufig gerade im Niedriglohnsektor als Konkurrenz auftreten und die Löhne gefährden.

Der Front National und andere Rechtspopulisten wie die AfD, Ukip etc. stoßen genau in diese Lücke. Die Unterprivilegierten haben endlich wieder jemanden, der ihnen Gehör verschafft. Martin Schulz hat in einem Interview bei Anne Will gesagt: „Wer vertritt die hart arbeitenden Menschen wenn nicht wir?“ Die Antwort ist relativ einfach. Die AfD in Deutschland, der Front National in Frankreich, Trump in den USA.

Um es mit Lenin zu sagen: „Was tun?“ Es ist gar nicht so kompliziert. Ich kann nur auf einen anderen Beitrag von mir verweisen. Die politische Linke braucht ein neues Narrativ. Genau genommen braucht sie ein sehr altes Narrativ.

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ Georg Büchner




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